«Man muss für seine Interessen einstehen.»

Bożena Domańska ist für viele Care-Migrantinnen in der Schweiz ein Vorbild. Sie kämpft seit Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in der 24-Stunden-Betreuung und ist Mitgründerin des Netzwerks Respekt@vpod. Heute arbeitet Bożena Domańska Teilzeit beim VPOD und daneben stundenweise in der Betreuung. Bożena Domańska lebt seit 9 Jahren in der Schweiz und wohnt in Baselland.

 

 

 


Bożena Domańska

Betreuerin und Beraterin bei Respekt@vpod

Ich erinnere mich gut an den Moment, als ich mich entschieden habe, an die Öffentlichkeit zu gehen. «Jetzt ist genug», dachte ich. Das war im Jahr 2012. Ich sagte damals zu einer Kollegin, «wir dürfen nicht versteckt bleiben. Schliesslich sind wir keine Verbrecherinnen. Wir sind Frauen, die hier legal arbeiten wollen.» Ich wurde vom Schweizer Fernsehen angefragt, von meiner Arbeit und meinem Leben als Migrantin und Betreuerin zu erzählen. Daraufhin erschien ein Beitrag in der Sendung SRF DOK. Ich war es nicht gewohnt im Rampenlicht zu stehen. Aber die Rückmeldungen waren sehr schön. «Du hast meine Geschichte erzählt», sagten fremde Frauen zu mir. Dafür hat es sich gelohnt. Ich motivierte andere Betreuerinnen, die Probleme in der 24-Stunden-Betreuung zu benennen und für sich einzustehen.

Vor sechs Jahren war meine persönliche Situation schwierig. Ich klagte gegen einen Arbeitgeber, der meine Überstunden nicht bezahlte. Es war belastend. Ich fühlte mich alleine. Aber ich gewann den Fall und der Arbeitgeber musste zahlen. Ich wollte meine Erfahrung und mein Wissen teilen.

Ich war bei der Geburtsstunde des Netzwerks Respekt@vpod für 24-Stunden-Betreuerinnen dabei. Wir hatten diesen Sommer unser fünfjähriges Jubiläum! Wir wollen kollektiv unsere Rechte einfordern. Unser Netzwerk steht für mehr Respekt in der 24-Stunden-Betreuung. Wir möchten mit Respekt behandelt werden.

Meine Rolle bei Respekt@vpod? Ich bin die Betreuerin der Betreuerinnen! Ich informiere die Frauen über ihre Rechte, stärke sie psychisch und seelisch, und unterstütze sie im Bewerbungsprozess. Es kommt vor, dass den Betreuerinnen ungerechtfertigt gekündigt wird; oder, dass sie wegen eines Todesfalles sich nach einer neuen Stelle umsehen müssen. Ich sage dann immer: «Hab keine Angst. Geht die eine Türe zu, geht eine andere auf. Wahrscheinlich wartet ein anderer Job auf dich, anderswo.»

Wenn man so alleine im Ausland ist, ist es wichtig, irgendwo dazuzugehören. Das Netzwerk, die regelmässigen Treffen und der Austausch sind deshalb wichtig.

Ich bin schon lange in der Branche. Manchmal nervt es mich, wie viel Unrecht da läuft. Herzlose Arbeitgeber, die sich dem Gesetz widersetzen und die Menschen respektlos behandeln. Das macht mich wütend. Manchmal denke ich, jetzt höre ich auf. Aber es gibt etwas, was mir dann Kraft gibt: Ich habe zwei Fotoalben. In solchen Momenten nehme ich diese Alben in die Hand und sehe dann: Hier war ein Theaterstück über die 24-Stunden-Betreuung, da waren wir auf einer Demo, ein Zeitungsartikel, eine Medienmittteilung, ein Fernseh-Beitrag. Das kostete alles so viel Kraft, aber es nützte auch. Nun werden auch endlich die Kantone aktiv, auch wenn nur zögerlich. Ich bin stolz darauf, dass ich so vieles bewirken konnte – und dass ich immer noch dabei bin und kämpfe.

Manchmal fühle ich mich wie 65 Jahre alt. Ich bin seit 30 Jahren als migrierende Betreuerin unterwegs. Das hat mich ausgelaugt. Ich merke, wie ich körperlich angeschlagen bin. Ich machte letzte Woche Nachtwache. Ich war danach total erschöpft. Ich bin noch nicht alt, aber die Arbeit hat Spuren hinterlassen. Das nervt mich. Ja, denn bis zur Rente sind es noch 15 Jahre.

Meine Hoffnung ist, dass die Betreuerinnen unter guten rechtlichen Bedingungen arbeiten können. Es werden nun die kantonalen Normalarbeitsverträge der Hauswirtschaft überarbeitet, das ist das eine. Die Forderungen müssen aber auch eingehalten werden. Dazu braucht es eine Kontrollinstanz. Wenn niemand kontrolliert, machen alle, was sie wollen. Dann nützen die Verträge nicht.

Heute setzt sich Respekt@vpod dafür ein, dass die Ruhe- und Freizeit besser geregelt werden muss. Wir kämpfen auch besonders für eine gerechtere Entlohnung der sogenannten Präsenzzeit. Ich sage immer zu den Frauen: «Du bist deine Anwältin, du musst für deine Interessen einstehen». Ich sehe, wie es den Frauen besser geht, die ihre Freizeit einfordern. Sie arbeiten dann auch besser. Zum Beispiel ist es wichtig, dass wir sonntags in die Kirche gehen können, uns mit anderen Kolleginnen treffen und uns austauschen. Dann geht man am Abend zurück zur Arbeit und die Welt ist wieder in Ordnung.



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