Care-Ethik

CareInfo geht der Frage nach, welche ethischen Überlegungen sich stellen in Zusammenhang mit grenzüberschreitenden Betreuungsdienstleistungen. Walter Lüssi von der Fachstelle Geschlechter und Generation der reformierten Kirche des Kantons Zürich denkt über Machtverhältnisse und ethische Aspekte der 24h-Betreuung durch Care-Migrantinnen nach.

 

 


Walter Lüssi
Fachstelle Geschlechter & Generationen
der reformierten Kirche des Kantons Zürich
Schwerpunkte: Alter(n), Generationenfragen, Behinderung


Auch im fragilen Alter zuhause dank Care-Migration?

Menschen im fragilen Alter und mit Pflegebedarf werden heute mehrheitlich zuhause betreut. Der Trend, selbst bei angezeigter 24-Stunden-Rundum-Betreuung der Vertrautheit der eigenen vier Wände gegenüber dem Heimeintritt den Vorzug zu geben, wird sich weiter fortsetzen. Dies wahrscheinlich auch dann, wenn im künftigen Heimalltag mehr individueller Gestaltungsraum geschaffen wird. Bei Pflegebedürftigen und Angehörigen verbindet sich mit dem Verbleib im eigenen Haushalt die Vorstellung von mehr Individualität, Selbstbestimmung und Lebensqualität. Im Dilemma zwischen Pflegeüberforderung der Angehörigen und Heimeintritt samt drohenden Pflegeheimkosten fällt die Wahl immer öfter auf das möglichst kostengünstige Engagement einer Person aus dem Ausland. Die Care-Migrantin ergänzt dann die Spitex-Dienstleistungen. Sie entlastet aber vor allem die Angehörigen, indem sie eine stabile Versorgung zu garantieren scheint. Es wird von der Care-Migrantin erwartet, dass sie Sicherheit bietet. Individuelle, persönliche und verlässliche Betreuung soll die vordem vielleicht durch Überforderung oder gar durch Übergriffe belastete Situation beruhigen und qualitativ verbessern. Aus unterschiedlichen Gründen nicht in genügendem Mass gewährleistete Präsenz der nächsten Angehörigen und wohl auch manch weitere enttäuschte Erwartung sollen durch „fremde Nähe“ kompensiert, zumindest Alleinsein und Isolation verhindert werden.

Wenn Menschen aus Osteuropa oder aus anderen Ländern bereit sind, sich in den Dienst von Menschen im hohen Alter bei uns zu stellen, ist dagegen zunächst nichts einzuwenden. Betreuung und Pflege im fragilen Alter und auch in der letzten Lebensphase sind längst zu Angeboten in einem kompetitiven Markt geworden, für den sich viele Akteure interessieren und der sich durch einen zunehmenden Mangel an geeigneten Arbeitskräften auszeichnet. Keine Frage, dass praktisch über alle ideologischen Grenzen hinweg, die befristete Einwanderung pflegender Frauen aus dem näheren oder gar ferneren Ausland zwar nicht in Massen aber doch in reichlichen, eben den für uns nötigen Scharen begrüsst wird. Und da sich bei der 24-Stunden-Betreuung zuhause anders als bei der stationären und hochinstitutionalisierten Pflege noch grosse Defizite bezüglich der Arbeits- und Anstellungsbedingungen zeigen, ist der Markt auch weitgehend unkontrolliert offen für Sans-Papiers einerseits und andererseits für ausbeuterische Arbeitsverhältnisse beziehungsweise für vielfältigen Missbrauch im Rahmen der Abhängigkeit von der Arbeitgeber-Familie.

Ethische Fragen im Zusammenhang mit transnationalen Sorgearrangements in Privathaushalten sind in Diskussion. Die Fragen kreisen vornehmlich um die Fairness und soziale Absicherung bei der Regelung der Lebens- und Arbeitssituation von Care-Migrantinnen sowie um die Qualität der im Zusammenspiel mit anderen Betreuungs- und Pflegediensten erbrachten Leistungen. Einmal mehr wird deutlich: Wir haben Arbeitskräfte gerufen, und siehe, es kamen Menschen! Und von diesen Menschen erwarten wir Arbeit im Rahmen eines privaten Haushalts, Pflege und Betreuung verbunden mit einem hohen Mass an emotionaler Zuwendung. Zu fragen ist jedoch auch, wie Menschen im hohen Alter, wenn sie auf Betreuung und Pflege angewiesenen sind, ihre Abhängigkeit von einer Care-Migrantin im eigenen Haushalt wirklich erleben. Wie viel an Sicherheit erfahren sie selber? Wie wohltuend oder wie einengend ist die für die Angehörigen entlastende und beruhigende 24-Stunden-Betreuung für sie als Direktbetroffene? Wie gut bekommt ihnen bei aller Zuwendung durch die Care-Migrantin die „fremde Nähe“, die meist auch durch kulturelle Distanz und mehr oder weniger grosse Kommunikationsprobleme gekennzeichnet ist?

Die sogenannte Care-Ethik, eine Ethik der Achtsamkeit und Sorge, befasst sich mit asymmetrischen, das heisst durch Machtungleichgewichte und Abhängigkeiten gekennzeichnete Beziehungen. Sie ist besonders dann von Bedeutung, wenn Menschen in erhöhtem Masse abhängig von Hilfe sind oder nur eingeschränkt für ihre eigenen Belange eintreten können und Entscheidungen durch Dritte getroffen werden müssen. Bei der Betreuung zuhause durch Care-Migrantinnen ist die Situation insofern zusätzlich komplex, als die asymmetrische Beziehung zwischen Care-Migrantin und betreuter Person überlagert wird von der ebenfalls asymmetrischen Beziehung zwischen den Angehörigen der betreuten Person, das heisst der Auftraggeber-Familie, und der Care-Migrantin. Diese doppelte, aus unterschiedlicher Perspektive gegebene ungleiche Machtverteilung, so fordert die Care-Ethik, gilt es zunächst anzuerkennen. Aus ethischer Sicht ergibt sich daraus weiter der Bedarf, die konkrete Care-Situation zuhause sporadisch zu evaluieren, alle an der Care-Arbeit Beteiligten und in angemessener Form auch die auf Betreuung und Pflege angewiesene Person einzubeziehen.

Grundsätzlich braucht es gegenseitig den elementaren Respekt vor der Person. Wo dies nicht gegeben ist, hat dies bei allem weiteren Bemühen negative Auswirkungen auf das intime Miteinander, das für die Care-Migrantin manchmal die Form eines Familienanschlusses auf Zeit annimmt. Zum Gegenstand des evaluierenden Gesprächs gehört der Bedarf des betreuten alten Menschen, der oft auch körperliche Zuwendung einschliesst, und wie von den Beteiligten auf diesen Bedarf tatsächlich eingegangen wird. Zu beachten ist dabei in besonderem Mass die „Antwort“ der Person, für die gesorgt wird. Wie erlebt sie selber das Eingehen auf ihre Individualität und im Rahmen des Arrangements das Mass an Selbstbestimmung und Lebensqualität? Sorge für den anderen Menschen bedeutet, das eigene Tun am Handeln oder Verhalten des anderen Menschen zu überprüfen und sich seiner Kritik zu öffnen. Verantwortliches Tun setzt also nebst aller Bereitschaft, Erfahrung und spezifischer Kompetenzen die Fähigkeit voraus, genau hinzusehen und hinzuhören. Das muss sowohl von der Care-Migrantin als auch von der Arbeitgeber-Familie erwartet werden. Dies bedeutet allerdings für niemanden, sich uneingeschränkt zur Befehlsempfängerin machen zu lassen. Gute Absprachen werden darauf abzielen, dass niemand eigene Grenzen übergehen, sich selbst verleugnen und sich in einem negativen Sinn verausgaben muss. Kaum jemand wird bestreiten, dass eine gute Selbstsorge Basis einer gelingenden Sorge für andere ist. Dem ist zum Wohle des auf Betreuung und Pflege angewiesenen alten Menschen gerade auch bei der Definition der Rahmenbedingungen für die Care-Migrantin Beachtung zu schenken.

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