Care-Migrantin und Stadtpräsidentin lancieren die Diskussion

CareInfo bietet eine vielfältige und mehrstimmige Diskussionsplattform. Sie greift regelmässig aktuelle Fragen in der öffentlichen Diskussion auf und gibt Antworten mit Textbeiträgen von ausgewählten Fachleuten sowie direkt Betroffenen.

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Corine Mauch
,
Stadtpräsidentin der Stadt Zürich

Die Stadt Zürich ist eine junge Stadt: mehr als die Hälfte aller Personen sind jünger als 40 Jahre alt. In der Stadt Zürich leben aber auch über 60’000 Personen, die das 65. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben. Für diese stellt sich die zentrale Frage, wie sie ihren dritten Lebensabschnitt gestalten möchten. Manchmal wird diese Entscheidung wortwörtlich über Nacht sehr dringlich, wenn aufgrund einer gesundheitlichen Veränderung oder eines Unfalls, das Bewältigen des Alltags ohne Unterstützung nicht mehr möglich ist.

Die Stadt Zürich unterstützt betagte Personen, Angehörige und Bezugspersonen bei der Entscheidungsfindung in solchen schwierigen Situationen, beispielsweise mit der städtischen Beratungsstelle «Wohnen im Alter». Häufig führt der Weg über die öffentliche Spitex, karitative Angebote oder über den Eintritt in ein städtisches Alters- oder Pflegeheim. Immer mehr betagte Menschen äussern jedoch das Bedürfnis, möglichst lange zu Hause leben zu können: in den eigenen vier Wänden, mit den eigenen Gerüchen, den gewohnten Abläufen, der bekannten Nachbarschaft und der − wenn allenfalls auch beschränkten − Autonomie, die ein Leben im eigenen Zuhause ermöglicht. Für Angehörige, die bereits durch Berufstätigkeit und Familienarbeit stark ausgelastet sind, kann eine zusätzliche Betreuungssituation schnell zu einer schweren Belastung führen. Trotzdem besteht der Wunsch, den Bedürfnissen beispielsweise der Eltern gerecht zu werden – eine klassische Dilemma-Situation.

Eine relativ neue Entwicklung ist die Beschäftigung von Migrantinnen, die aus den umliegenden EU-Ländern in die Schweiz reisen, um betagte Personen zu Hause zu betreuen. Ein möglicher Ausweg für Angehörige aus ihrer nachvollziehbaren Dilemma-Situation? Ja, zumindest auf den ersten Blick: Die Eltern oder ein Elternteil können zu Hause bleiben, eine Eins-zu-eins-Betreuung wird möglich und somit auch das Anleiten nur einer Betreuungsperson, die erst noch rund um die Uhr vor Ort ist. Das Angebot an Betreuerinnen und Agenturen, die diese vermitteln, ist gross − auch in Zürich, wie die städtische Fachstelle für Gleichstellung nachweisen konnte.

Die Kehrseite der Medaille ist jedoch die häufig wenig geregelten Arbeitsbedingungen, die Überbelastung der Care-Migrantinnen durch die Rund-um-die-Uhr-Präsenz und das daraus resultierende Risiko für die betreuten Personen. Die Care-Migrantinnen übernehmen eine zentrale und äusserst anspruchsvolle Aufgabe in unserer Gesellschaft, geht es hier doch um die Lebensqualität unserer Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Onkel und Tanten. Zusätzlich verlangt die Betreuung der älteren Generation eine starke Flexibilität, hohe Professionalität und physische sowie psychische Belastbarkeit. Nicht immer erfahren die Care-Migrantinnen die Wertschätzung, die sie erhalten sollten.

Im Gleichstellungsplan der Stadt Zürich wurden Massnahmen ergriffen, um diesen neu entstehenden Arbeitsmarkt genauer zu betrachten und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen von Care-Migrantinnen anzustossen. Es freut mich sehr, dass nun mit der neuen Treffpunkt- und Informationsplattform CareInfo die Stadt Zürich noch einen Schritt weiter geht, um über das Thema Care-Migration zu informieren und den Care-Migrantinnen in Form von einer Informations- und Austauschplattform Unterstützung zu bieten.

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Ildikó Taba,
Care-Migrantin

Ich hatte schon immer eine besondere Beziehung zu älteren Menschen. Als Kind war ich oft bei meinen Grosseltern. Von ihnen bekam ich nicht nur viel Liebe. Auch ihre Weisheiten und Ratschläge begleiten mich auf meinem Lebensweg. Geschenke, die ich gerne annahm, baut doch die Jugend stets auf den Werten und dem Erreichten der älteren Generationen auf. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, ihnen etwas zurück zu geben, sie an ihrem Lebensabend zu unterstützen. Dann für sie da zu sein, wenn ihre Kräfte schwinden, wenn sie alleine sind mit ihren Erinnerungen, weil ihr Partner bereits verstorben ist. Ich weiss aber auch, dass es in unserer schnelllebigen Gesellschaft für Angehörige schwierig geworden ist, Eltern oder Grosseltern so intensiv zu betreuen, wie sie es bräuchten. Heute leben die verschiedenen Generationen nicht mehr unter einem Dach und die Jüngeren sind oft vom Beruf und den eigenen Kindern in Anspruch genommen. Es fehlt die Zeit, sich zu kümmern. Diese Lücke fülle ich aus.

Seit zehn Jahren betreue ich in der Schweiz Demenzkranke in ihrem eigenen Zuhause, bin rund um die Uhr für sie da. Meine wichtigste Aufgabe ist es, ihre Lebensqualität zu erhalten, oder wenn möglich zu verbessern. Damit ich einen Patienten und seine Angehörigen optimal unterstützen kann, ist es mir wichtig, das soziale Umfeld der Leute kennen zu lernen. Der Betreute und seine Angehörigen müssen wissen, dass sie immer auf mich zählen können. So intensiv betreut zu werden bedeutet aber auch einen grossen Einschnitt im Leben beider, des Patienten und der Betreuerin. Damit die Betreuung, die Monate oder manchmal sogar Jahre dauert, funktioniert, sind gegenseitige Sympathie, Respekt und vor allem Vertrauen unabdingbar.

Für mich umfasst der Begriff Pflege viel mehr als nur Körperpflege. Es ist mir ein grosses Anliegen, das Wohlbefinden meiner Patienten zu verbessern. Dazu gehört das Schaffen einer harmonischen Atmosphäre. Weil Demenzkranke vertraute Dinge und Routinen zur Orientierung brauchen, achte ich darauf, die Gewonheiten und Traditionen meiner Patienten beizubehalten. Bei der Pflege ist Empathie wichtig, denn viele Patienten können nicht mehr ausdrücken, was sie brauchen oder wollen. Dann muss ich sie ohne Worte verstehen. Neben der Pflege besorge ich auch den Haushalt, so weit es der Zustand des Patienten zulässt. Es kommt auch vor, dass ich ihn oder sie mit Hausarbeiten wie kochen, backen, putzen oder mit Gartenarbeit aktivieren und motivieren kann. Dies trägt meist ebenfalls zum Wohlbefinden der Patienten bei, weil sie sich dann gebraucht fühlen.

Natürlich ist es eine grosse Herausforderung eine neue Patientin oder einen Patienten und ihre Familie kennen zu lernen und mich in diese neue Umgebung zu integrieren. Am Anfang verstehen die Patienten nicht, was ich Fremde in ihrem Haus tue und warum ich morgens in ihrem Schlafzimmer bin, um sie zu wecken. Diese Zeit ist auch schwer für mich, dann fühle ich mich oft einsam und meine Heimat und meine Familie kommen mir noch weiter entfernt vor, als sie es sind. Aber wenn es gelingt, dass eine Patientin oder ein Patient Vertrauen fasst, sich entspannt und wohl fühlt, dann tut das auch mir gut.

Ich war 27 Jahre alt, als ich damit begonnen habe, im Ausland Demenzkranke zu pflegen. Es ist ein erfüllender Beruf, mit dem ich den Betroffenen und ihren Familien viel geben kann, der aber auch mir viel gibt. In den ersten Jahren war es nicht immer einfach für mich jeweils einen Monat am Stück in der Schweiz zu arbeiten, weit weg von Familie und Freunden. Mittlerweile komme ich damit gut klar. Geholfen hat mir, dass ich das Glück hatte immer für liebenswürdige und verständnisvolle Familien zu arbeiten. Sie haben mir alle viel Wärme und Wertschätzung entgegengebracht. Auch finanziell wurde meine Arbeit stets honoriert, was leider nicht selbstverständlich ist. Mit einigen der Familien habe ich noch immer Kontakt. Mir ist klar, dass ich diese Arbeit nicht ewig machen kann, denn mein Leben ist in Ungarn. Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin und hoffe, später zu Hause eine entsprechende Stelle zu finden, in die ich all meine in der Schweiz gemachte Erfahrung einbringen kann.

In Mittel- und Osteuropa ist die Arbeitslosenquote sehr hoch. Deshalb suchen viele Leute Arbeit im Ausland. Allein aus meinem Heimatdorf pflegen 200 Frauen Betagte und Demenzkranke in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zwar sind die meisten von ihnen nicht speziell dafür ausgebildet. Sie haben aber ein Gespür für die Bedürfnisse von Betagten und Kranken, weil die Pflege von Familienangehörigen bei uns Tradition hat. Die Pflegemigration dient allen, den Pflegebedürftigen, ihren Familien und den – meist Frauen – denen die Arbeit eine Perspektive gibt.



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