Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Care-Migrantin Krisztina Helfrich erzählt uns eine etwas andere Weihnachtsgeschichte: «Wie in einem Labyrinth». In diesem Sinn schöne Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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Krisztina Helfrich
Care-Migrantin


WIE IN EINEM LABYRINTH

«…Mein Herr Gott wozu mal sehen wohin unser gemeinsamer Weg führt!»
(János Arany)

Kata stand am Bahnhof etwas ratlos neben ihrem stattlichen Koffer. Zuhause noch hatte sie die Anfahrt gründlich studiert. Doch sie musste ein Taxi nehmen. Obwohl sie sich in der Stadt ziemlich gut auskannte, war sie noch nie zuvor in jenem Stadtteil, wo sie nun hin musste. Etwas verunsichert verliess sie die Bahnhofshalle. Sie sagte die Adresse einem Taxifahrer, er nickte mit dem Kopf und sie fuhren los.

Während der Fahrt jagten ihr die Gedanken durch den Kopf. Sie dachte an all das, was ihr in der letzten Zeit passierte. Obwohl ihr klar war, dass sie ihr Leben selbst in diese Richtung navigiert hatte, liessen ihre Selbstzweifel sie nicht in Ruhe. Sie war den Tränen nahe als sie aus dem Fenster in die Leere schaute. Selbst in eine bekannte und geliebte Stadt kann das Ankommen anders sein, also ob man in die Ferien reist.

Ihre kleine heile Welt, in welcher sie sich mal so sicher gefühlt hatte, ist kürzlich vollkommen aus den Fugen geraten. Für das dereinst verwöhnte Kind, für die Ehefrau, für die geschätzte Kollegin war es ein kurzer Weg vom grossen Wohlstand zur argen Not.

Dank ihrer Selbstachtung, oder vielleicht bestraft davon, konnte sie weder Geld noch Stellenangebote aus ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis annehmen. Eine Rückkehr in ihren einstigen Beruf konnte sie auch vergessen, denn die Zeiten haben sich verändert und ihr Spezialgebiet gibt es gar nicht mehr.

Sie nahm all ihren Mut zusammen, und ging in die grosse Welt hinaus, suchte sich eine Stelle als 24-Stunden-Betreuerin in der Alterspflege im Ausland. Abgesehen davon, dass sie mit dieser Entscheidung ihren Lebensunterhalt zu sichern versucht, hatte sie zwei weitere Beweggründe: Distanz zum immer chaotischer werdenden Zustand zuhause gewinnen und so ihre Seele heilen und zugleich neben der Arbeit wieder recherchieren, um ihre angefangenen Texte fertig schreiben zu können.

Das Taxi hielt an vor einem beschaulichen Reihenhaus. Kata stieg aus, etwas verunsichert klingelte sie an der Tür. Sie kannte niemanden, weder die andere Betreuerin, mit der sie die Stelle teilen wird, noch die Familie der Oma, die sie betreuen sollte. Die alte Dame schlief bereits als sie ankam. Aber ihre Tochter ist noch kurz vorbeigekommen, um sich kennen zu lernen. Die ersten kurzen Eindrücke waren zum Glück gar nicht negativ. Charmant und auf eine gutmütige Art führte die Stellenpartnerin sie in alles ein, was in einem halben Tag gezeigt werden konnte. Sogar der Kühlschrank war voll, damit sie ihren ersten Tag nicht mit einkaufen verbringen muss. Dann verabschiedete sie sich.

Kata, die eine solche Arbeit noch nie zuvor gemacht hatte, stand da in der fremden Wohnung neben einem alten, hilflosen Menschen. Dieser schaute sie unbeteiligt an, der Kopf hing, auf dem Gesicht zeigte sich weder geistige noch emotionale Präsenz. „Ich bin doch stark, bisher habe ich immer alles alleine lösen können“ – sagte sie sich. Aber sie war ratlos und fühlte sich sehr alleine. Als sie die alte Frau anschaute, dachte sie: „hier werde ich auch einiges lösen müssen“, und ging die Treppe rauf, um ihren Koffer auszupacken.

Sie stand in ihrem Zimmer, blickte herum und brach in Tränen aus. Plötzlich fühlte sie zutiefst, wie weit sie war von der Familie, den Freunden, ihrem Zuhause, weit von allem was bekannt und geliebt war – mutterseelenallein und nur auf sich gestellt. Jetzt fiel es ihr ganz schwer, die Treppen wieder runter zu gehen. Aber es war Zeit für Kaffee, und so sammelte sie ihre ganzen Kräfte, um sich runter zu bewegen. Sie trat in das Zimmer ein, wo Franziska in einem riesigen Ohrensessel fernsah, oder eher den Blick in Richtung Fernseher richtete.

Fragen kreisen in ihrem Kopf, doch es war niemand da, um sie zu beantworten. Was nimmt die schwer Demenzkranke aus dieser Welt wahr, wie werden sie beide wohl miteinander auskommen? Beide waren in einer scheinbar ausweglosen Situation, aber wenigstens gab es keine Sprachbarriere, denn Kata sprach gut Deutsch. Die Dame hingegen ächzte und stöhnte nur.

Kata holte Luft, und lächelte sie an:
„Franziska Brodmann, nun sind wir beide füreinander da, lassen wir uns doch besprechen: wie machen wir weiter?“ Und siehe da, die alte Frau lächelte zurück. Kata machte Kaffee, holte Guetzli, dann hielt sie erschrocken inne für einen Moment: Sie hatte keine Ahnung wie sie Frau Brodmann aus dem gigantischen Sessel heben sollte. „Kaffeestündchen, bitte kommen Sie,“ – sagte sie unsicher. Als Frau Brodmann Kaffee hörte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, dann schaute sie Kata flehend an:
„Ich weiss nicht, wie..“, und tatsächlich, beide hatten keine Ahnung, was zu tun war. Rhythmisch rollten die Worte in Katas Kopf, das muss ich lösen können, das muss ich irgendwie lösen können. Dann hatte sie eine Idee. Sie packte an, beugte sich über die alte Frau, nahm ihre Hände, schlug sie um ihren Hals und, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte, fing sie an, sie zu führen:
„Hau-ruck, hau-ruck, wir stehen auf!“
„Ich kann nicht“, kam die Antwort.
„Franzi, bitte sehr, wenn wir etwas ganz fest wollen, dann gelingt es auch. Und jetzt wollen wir ganz fest, sie halten sich ganz fest an mich und ich helfe Ihnen. Hau-ruck!“
Das Manöver gelang schliesslich. Kata hatte den Rollstuhl parat gestellt. Nur, wie sie sich umdrehen sollten, wusste sie nicht. Sie las Entschlossenheit aus dem Gesicht der alten Frau. Plötzlich hatte sie eine weitere Idee:
„Tanzen Sie gerne, Franziska?“
„Sehr gerne!“
„Was ist denn Ihr Lieblingstanz?“
„Nun… der Tango!“
„Der Tango? Herrlich!“ rief Kata. „Der ist in der Tat einer der grossartigsten Tänze! Darf ich um den nächsten Tanz bitten?“ da lachten sie beide. Franzi streckte sich so gut sie es konnte und reichte ihr ihre Hand.
„In Ordnung“ meinte Kata, „drehen wir uns nach rechts, eins-zwei, eins-zwei“, und schon waren sie beim Rollstuhl. Jetzt war es ein Leichtes, sie in den Stuhl zu setzen.
„Hurra! Hurra! Es ist doch gelungen! Wenn wir es ganz fest wollen, wird uns Alles gelingen!“ Rief Kata, genau wie zuhause bei ihren Enkeln. Mit diesem Freuderuf wollte sie nicht nur die alte Dame beruhigen, sondern auch ein wenig sich selbst…

Die Tage vergingen schnell und Franziska öffnete sich Kata gegenüber jeden Tag ein bisschen mehr. Ihre Antworte auf Katas Fragen wurden lebhafter, es entstanden sogar kleine Dialoge zwischen ihnen. Wenn sie angelächelt wurde, lächelte sie gerne zurück. Mittlerweile hatten sie richtig Spass miteinander. Eines Tages streckte sie eine Hand in Richtung Katas Hände: Ein erstes Zeichen einer aussergewöhnlichen Freundschaft.

Kata selbst fühlte sich immer sicherer in ihrem neuen Job und mochte Franzi immer mehr. Eine gut funktionierende, feste Tagesordnung entstand allmählich, die Arbeit lief tadellos. Mut verliess Kata dennoch hin und wieder. Sie vermisste ihre Familie, den Freundeskreis, die angeregten Gespräche daheim, die kleinen alltäglichen Freuden. Nur beim Lesen konnte sie sich ein wenig entspannen und Kontakte zur Aussenwelt bestanden einzig durch das Internet. Ans Schreiben dachte sie gar nicht mehr.

Eines Tages war sie oben in ihrem Zimmer, aufgelöst in Tränen, als Franziska sie vom Erdgeschoss aus rief. Sie versuchte sich rasch zu sammeln. Erfahrungsgemäss wirkte es auf die Dame beruhigend, wenn sie ihr fröhlich und ausgeglichen entgegentrat. Zurechtgemacht ging hinunter, um ihr aus einem Buch vorzulesen. Franziska lehnte sich näher zu ihr und schaute ihr direkt in die Augen. Sie lauschte die Worte und sie neigte sich, wie es Kinder manchmal tun, die Augen voller Neugier, immer näher zu Kata.
„Sie haben geweint!“ rief sie. „Ich merke doch genau, dass Sie geweint haben!“ Selbst das Siezen oder Duzen war bei ihr zufällig.
„Stimmt doch gar nicht. Ich hatte mir bloss die Nase geputzt, darum ist sie rot geworden“ antwortete Kata. Sie glaubte schon, Franzi damit zufrieden gestellt zu haben, als die alte Frau ihr die Hand nahm und sie zärtlich an ihre Wange führte:
„Sie sollten nicht weinen, ich habe Sie doch lieb!“
Kata brach darauf erneut in Tränen aus. Sie erkannte, dass Emotionen trotz dem geistigen Zerfall nicht verloren gehen. Wie feinfühlig doch diese hilflose alte Frau war! Sie stand auf und umarmte Franzi. Längst vergessene Erinnerungen an ihre innig geliebte, vor langer Zeit verstorbene Grossmutter wurden geweckt. Ihr wurde plötzlich warm ums Herz.

Kata fand heraus, dass Franziska in der Lage war, an ihren „guten“ Tagen durchaus anspruchsvolle Dinge zu unternehmen. Man konnte ihr vorlesen, Fragen stellen, tiefe Gespräche führen, gemeinsam Musik hören oder alte Lieder singen. Man hätte es gar nicht vermutet, wie viel mit ihr noch möglich war.

Mit der Zeit schloss Kata Franzi in ihren Tagesablauf immer mehr mit ein. Sie schob den Rollstuhl in die Küche während sie das Essen zubereitete und sprach andauernd zu ihr. Sie fragte sie nach ihrer Meinung, als ob sie selbst keine Ahnung hätte, welche Zutaten noch fehlen. Mitunter gab Franzi bereitwillig Antwort und war sichtlich froh darüber.

Manchmal aber entgegnete sie kurz und knapp, dass sie es nicht mehr wisse, dass es nicht mehr gehen würde. Dann setzte Kata ihre Strategie ein, die sich schon bei Kindern so gut bewährt hatte, und sprach ihr Mut zu: wenn man es ganz fest wolle und gemeinsam anpacke, würde doch alles gelingen… dann, siehe da…! Über den Erfolg freuten sie sich dann beide ungemein. Die Vertrautheit zwischen ihnen wuchs. Die Drehbewegung mit dem Tango wurde zum alltäglichen Spiel. Wenn ihnen etwas gelang, drückte die alte Frau sich an sie, Stirn-an-Stirn, nahm ihre Hand und streichelte sie. Unzählige Male wiederholte sie, „Es ist ein Geschenk für mich, dass du da bist, dass ich auf dich traf!“.
Kata schrieb die zum Teil sehr rührenden Sätze, die in unerwarteten Momenten entstanden, in ein Heft nieder.
„Ich hab’ dich lieb“, sagte ihr Franziska.
„Ich habe Sie auch sehr lieb, Franzi, wissen Sie das?“
„Wissen tue ich das nicht, aber spüren schon“, kam die überraschende Antwort. Sie umarmten sich. Franziska sass immer weniger regungslos in ihrem Sessel, sie wurde lebhafter und sprach viel.

Natürlich war die Lage nicht immer so idyllisch. Der Zustand der alten Frau verändert sich stetig, und Kata musste viel improvisieren, um gewisse Situationen bewältigen zu können. Trotzdem brachte jeder Tag einige wunderbare Erfahrungen, bei denen es ihnen warm ums Herz wurde.

Eines Morgens wachte Kata mit schlechter Laune auf. Sie unterliess die gewohnten neckischen Spielereien beim morgendlichen Ankleiden. Sie erledigte nur ihre Arbeit, schweigend.
„Sie sind schlecht gelaunt“, konstatierte Franzi, keine Widerrede zulassend.
„Bin ich gar nicht, Franzi.“
„Doch, das merke ich doch! Seien Sie bitte nicht böse mit mir, schimpfen Sie nicht mit mir.“
Mein Gott! dachte Kata, die Arme meint wohl, dass ich mich über sie ärgere. Sie nahm Platz an ihrer Seite, und nahm sie an der Hand.
„Franzi, habe ich jemals mit ihnen geschimpft?“
„Niemals“, erwiderte Franziska etwas beschämt, jedoch mit forschenden Augen.
„Genau, niemals. Und auch jetzt bin ich mit Ihnen nicht böse. Warum sollte ich es auch sein?“ Sie hielt inne. „Sie haben Recht, ich bin nicht gut gelaunt, aber es ist nicht Ihre Schuld.“
„Sicher, dass Sie nicht mit mir böse sind?“
„Ganz bestimmt nicht, Franzi“, sagte sie beruhigend. Und prompt holte sie den Handspiegel hervor, um ihr zu zeigen, wie schick die alte Dame heute wieder aussah… Das Lächeln auf ihrem Gesicht versicherte ihr, dass es gelang, sie zu beruhigen.

Es war ein wunderbarer Sommertag, sie sassen beim Frühstück im Garten. Kata holte das Skizzenbuch hervor, das sie am Vortag gekauft und worüber sich Franziska riesig gefreut hatte. Sie nahm sich vor, dass sie gemeinsam schreiben würden. Dass Franziska noch zu lesen vermochte und es auch verstand, hat Kata bemerkt, indem sie vorgab, ihre Augen seien plötzlich zu müde geworden. Sie bat dann Franziska, das Buch weiter zu lesen. Das Abwechseln beim Vorlesen wurde so in ihre Tagesroutine integriert.

Nun startete Kata den Versuch mit dem Schreiben. Sie hatte geplant, zunächst persönliche Fragen zu stellen, die sie anschliessend erweitern wollte um die Familie. Zunächst kam Franziskas Name auf das Blatt, dann denjenigen ihrer Tochter, des Schwiegersohns, der Enkel und der Grossenkel. Zum Schluss schrieb sie Katas Name nieder. Sie sprach ihren Namen das erste Mal laut aus, und schrieb ihn auch auf das Papier. Dies war eine enorme Errungenschaft, denn in jener Phase, in der sich Franziska befand, können sich Alzheimerpatienten praktisch nichts Neues mehr merken.

Geleitet von einem plötzlichen Einfall, bat Kata sie, doch auch irgend etwas zu zeichnen.
„Ich kann nicht zeichnen“, kam umgehend die Antwort. „Was könnte ich überhaupt zeichnen?“
„Nun, zeichnen Sie die schönsten Sachen des Lebens“ schlug Kata vor. „Was wären denn die schönsten Sachen laut Ihnen, Franziska?“ Die unsichere Hand fuhr über das Papier, sie zeichnete mit dem Stift eine Sonne – die lächelte –, dann Wolken, den Mond und eine grosse Blume. So einfach ist das, nicht wahr… die schönsten Dinge auf der Welt sind diese: die Familie und die Natur.

Kata dachte lange darüber nach, wie das Leben so spielt. Es gibt diese Franzi, diese zauberhafte Persönlichkeit, die an einer unheilbaren Krankheit leidet, welche sie alles binnen Minuten vergessen lässt. Selbst ihre alten Erinnerungen hervorzuholen ist für sie schwierig. Ihr Humor vermag es trotzdem, durch den Nebel des geistigen Zerfalls durchzuschimmern. Diese Person mit dem geistigen Niveau eines drei- bis vierjährigen Kindes versteht möglicherweise viel mehr von dieser Welt als wir selber, bloss auf eine andere Weise. Die unschuldige, reine Welt der Kindheit kehrt wieder zurück. Obwohl der Verstand sich stets zurückentwickelt, manchmal bis zur kompletten Auflösung des Ichs, kommen ihre Emotionen merkwürdigerweise immer noch ungehindert aus dem Unterbewusstsein. Demenzkranke mit Alzheimer haben weder den Verstand verloren, noch sind sie völlig in ihrer Hilflosigkeit ausgeliefert. Nur die Speichereinheiten ihrer Computer schalten unaufhaltsam ab, was ihnen verunmöglicht, adäquat ihre Umgebung zu deuten und darauf reagieren zu können. Essentiell für sie sind die Sicherheit, die Ordnung, die Regelmässigkeit, die Routine, und vor Allem das Lächeln. Wenn sie dies bekommen, fühlen sie sich wohl – doch ehrlich gesagt, geht es uns auch nicht anders. So entsteht um sie herum ein persönliches Labyrinth, ein geschlossenes, inneres Universum, welches fasziniert, gerade weil es frei von Kompromissen ist, weil es ehrlich, offen, abgeklärt ist, bar jeglicher Gekünsteltheit.



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