«Wir stehen ganz unten auf der Liste»: Hausarbeiterinnen in der COVID-19-Pandemie
Migrantinnen, die in Schweizer Privathaushalten putzen, kochen und pflegen, sind unverzichtbar für das Funktionieren unserer Gesellschaft – und dennoch weitgehend unsichtbar. Die COVID-19-Pandemie hat diese Widersprüche auf dramatische Weise aufgezeigt. Zwischen 2023 und 2026 untersuchte ein Forschungsprojekt die Erfahrungen dieser Frauen zu dieser besonderen Zeit.

Christina Mittmasser
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HES-SO Fachhochschule Westschweiz, Fachbereich Soziale Arbeit, in Genf. Sie erforscht das Zusammenspiel von Arbeit, Migration und Genderregimen unter Anwendung feministischer Methoden.
Das Forschungsprojekt «Hausarbeiterinnen und COVID-19» wurde vom Nationalen Forschungsprogramm NFP 80 des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Myrian Carbajal (HES-SO Freiburg) und Prof. Dr. Milena Chimienti (HES-SO Genf) führte das Team vier kantonale Fallstudien (Bern, Freiburg, Genf, Zürich) durch, einschliesslich 56 Interviews mit Vertreter*innen aus Politik und Zivilgesellschaft, 93 biografisch-narrativer Interviews mit Hausarbeiterinnen und partizipativer Workshops.
Eine Krise, viele Realitäten
Hausarbeiterinnen hatten nicht die eine Erfahrung während der Pandemie, sondern waren mit sehr diversen Realitäten konfrontiert. Viele von ihnen verloren über Nacht ihre Stellen, weil Arbeitgebende kein Ansteckungsrisiko eingehen wollten. So beschreibt zum Beispiel eine Hausarbeiterin aus El Salvador die Pandemie als eine Zeit der Demütigung: «Die Leute haben uns verachtet. Sie sahen uns wie Monster. Es gab keine Arbeit. Ich musste um Arbeit betteln.» Sie hatte keinen geregelten Aufenthaltsstatus in der Schweiz und war deshalb wie viele andere Sans Papiers besonders von Arbeitsausfällen betroffen.
Andere Hausarbeiterinnen arbeiteten unter gestiegenen Gesundheitsrisiken weiter. Eine Hausarbeiterin aus Ecuador betont: «Während der Pandemie waren alle im Lockdown, nur ich nicht. Gott sei Dank habe ich mich nicht mit COVID angesteckt. Ich hatte keine Wahl. Ich habe nicht den Luxus, krank zu werden.» Wegen der weitverbreiteten Einführung von Homeoffice teilten viele Hausarbeiterinnen den Wohnraum mit ihren Arbeitgebenden, übernahmen erhöhten Desinfektionsaufwand und verinnerlichten eine starke moralische Verantwortung. Gleichzeitig wurden sie vielerorts als potenzielle Ansteckungsquelle wahrgenommen. Viele Hausarbeiterinnen berichten von verbalen oder körperlichen Übergriffen und neuen Formen der Kontrolle und Stigmatisierung.
Krise als Spiegel
Als die Pandemie ausbrach, profitierten viele Beschäftigte von staatlichen Massnahmen, allen voran die Kurzarbeitsentschädigung. Doch sie galt nur für Angestellte von Unternehmen, während Beschäftigte in Privathaushalten davon Grossteils ausgeschlossen blieben. Dieser Ausschluss spiegelt die strukturelle Unsichtbarkeit von feminisierter und migrantisierter Arbeit wider. Hausarbeiterinnen wurden nicht ausgeschlossen, weil sie von der Krise verschont geblieben wären, sondern weil Putzen und Betreuen in Privathaushalten schlicht nicht gleichwertig anerkannt wird. Eine Hausarbeiterin brachte es auf den Punkt: «Wir stehen ganz unten auf der Liste.»
Auf lokaler Ebene reagierten Städte wie Genf und Zürich mit Soforthilfen, die auch Personen in informellen Beschäftigungsverhältnissen oder ohne Aufenthaltsstatus zugutekamen. Diese Massnahmen boten kurzfristig wichtige Entlastung, doch zielten nicht auf eine langfristige Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Dazu kam: Viele Frauen nahmen vorhandene Hilfsangebote gar nicht in Anspruch. Zu gross war die Angst, durch das Stellen eines Gesuchs ihren Aufenthalt in der Schweiz zu gefährden.
Anerkennung jenseits von Opfernarrativen
Trotz dieser strukturellen Barrieren blieben Hausarbeiterinnen nicht passiv. Viele Hausarbeiterinnen vernetzen sich und setzen sich für die Anerkennung ihrer Arbeit ein. Sie betonen dabei immer wieder, wie entscheidend es ist, in zukünftige Veränderungen miteinbezogen zu werden. So unterstreicht die Hausarbeiterin Isabel Zubieta, die als Co-Forscherin im Forschungsprojekt tätig war: “Unsere Stimme muss da sein. Es ist schön, dass andere über uns sprechen. Das finde ich gut, aber wir müssen auch (…) Teil von dieser Veränderung sein. Wir sind die Personen, die wissen, was hinter den Kulissen passiert.”
Mehr dazu lesen Sie im kürzlich erschienenen Artikel: Carbajal, M., Gauttier, E., Mittmasser, C. & Chimienti, M. (2026). Beyond victimhood: The agency of migrant domestic workers during the COVID-19 pandemic. Work Organisation, Labour & Globalisation, 20(1), 39–58. https://doi.org/10.13169/workorgalaboglob.20.1.0003