Live-in Betreuung in Zeiten von Covid-19

Die Corona-Pandemie hat der Betagtenbetreuung zu Hause im letzten Jahr viel Medienaufmerksamkeit beschert. Nach unterbrochenen Reisewegen im ersten Lockdown hat sich das Pendelmodell rasch wieder stabilisiert. Gleichzeitig zeigt sich: Die Pandemie hat die Arbeitsbedingungen, die bereits zuvor als prekär galten, weiter verschlechtert. Eine Analyse von Jennifer Steiner und Andreas Lustenberger des Geographischen Instituts der Universität Zürich.

 


Jennifer Steiner
, Doktorandin am Geographischen Institut der Universität Zürich

 

Andreas Lustenberger, Masterstudent am Geographischen Institut der Universität Zürich

Live-in Betreuung wird wenig sichtbar im Privathaushalt geleistet und findet sich deshalb auch selten im Schlaglicht öffentlicher Aufmerksamkeit. Im Corona-Jahr 2020 war dies für einmal anders. Verschiedene Medien thematisierten das Betreuungsmodell, das auf der Arbeit von migrantischen, meist weiblichen Arbeitskräften aus Osteuropa fusst. Sie berichteten darüber, wie Betreuer*innen aufgrund der geschlossenen Grenzen nicht mehr in die Schweiz einreisen konnten. Oder darüber, wie andere ihre laufenden Arbeitseinsätze teilweise um Monate verlängerten, um die Betreuung der Senior*innen in Schweizer Haushalten sicherzustellen.

Die Grenzschliessungen und Reisebeschränkungen im Frühjahr 2020 stellten das live-in Arrangement auf unvorhergesehene Weise auf den Prüfstand. Verleih- und Vermittlungsagenturen berichteten den Autor*innen über erhebliche organisatorische Mehraufwände, um die Betreuung ihrer Kund*innen lückenlos sicher zu stellen. Angehörige von betreuungsbedürftigen Personen beschäftigte die Unsicherheit, welche die eingefrorene Mobilität für die Betreuungssituation mit sich brachte. In Gesprächen mit Betreuer*innen zeigte sich, wie stark sich die erste Welle der Pandemie auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen auswirkte. Care-Arbeiter*innen, die nicht einreisen konnten, verloren meist auf einen Schlag ihr Einkommen, ohne Anspruch auf staatliche Kurzarbeitsentschädigungen oder Härtefallmassnahmen zu haben. Und obwohl viele von ihnen über Jahre Beiträge in die schweizerische Arbeitslosenkasse einbezahlt hatten, konnten sie diese Gelder wegen der fehlenden Meldeadresse in der Schweiz nicht beziehen.

Care-Arbeiter*innen, die bereits in der Schweiz waren, verlängerten wegen fehlender Ablösung oder unsicherer Reisebestimmungen vielfach ihre laufenden Einsätze. Auf Bitte der Betreuungsagenturen oder Angehörigen – und meist auch aus moralischem Pflichtbewusstsein gegenüber der betreuten Person – blieben sie Wochen oder gar Monate länger als geplant. So vermieden viele von ihnen das Pendeln in einer Zeit, in der das Reisen schwierig und gesundheitlich risikoreich war. Die Verlängerung der Arbeitseinsätze bedeutete aber auch eine längere Trennung von der eigenen Familie und führte für viele Betreuer*innen zu grosser Erschöpfung.

Mittlerweile funktionieren die Ablöserhythmen der Care-Arbeiter*innen und ihre grenzüberschreitenden Reisen wieder nahezu wie zuvor. Und nun, da das Modell wieder gesichert scheint, ist auch die mediale Aufmerksamkeit abgeflaut. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich indes, dass die Pandemie nach wie vor stark in den Arbeitsalltag vieler live-in Betreuer*innen hineinwirkt. Die behördlichen Massnahmen und die Angst, die betreute Person mit dem Virus anzustecken, verschärfen für viele die Arbeitssituation und die soziale Isolation im Haushalt. Manche warten noch immer darauf, dass sie für die im Frühling geleisteten Überstunden bezahlt werden, falls ihnen eine solche Vergütung überhaupt erst angeboten wurde. Dazu kommen sich ständig ändernde Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen, die das Pendeln über Grenzen hinweg weiterhin belastend und schlecht planbar machen.

Es zeigt sich: Insgesamt hat die Pandemie das transnationale Betreuungsmodell nicht grundlegend verändert. Das ist vor allem so, weil die Betreuer*innen und ihre Familien einmal mehr die sozialen Kosten stemmen. Für die Care-Arbeiter*innen, die in der Schweiz im Einsatz stehen, verschärft sich eine Arbeitssituation, die sich aufgrund des mangelhaften Schutzes von Arbeit im Privathaushalt bereits vor der Pandemie im Ausnahmezustand befand. Diejenigen, deren Einsätze ausgefallen sind, fallen durch die Maschen der Corona-Rettungsschirme.

Die erhöhte Medienaufmerksamkeit während der Pandemie hat zumindest dazu beigetragen, breite Teile der Bevölkerung für die Wichtigkeit von Care-Arbeit zu sensibilisieren. Dies könnte Chancen auf politischer Ebene eröffnen, die Arbeitsbedingungen von live-in Betreuer*innen zu verbessern.

Wie verändert sich die live-in Betreuungsarbeit unter Corona? Und wie ergeht es Betreuer*innen, deren Einsätze ausfallen? Jennifer Steiner und Andreas Lustenberger sind diesen Fragen im Rahmen ihres Forschungsprojekts «Decent Care Work? Transnational Home Care Arrangements» sowie in Zusammenarbeit mit Sarah Schilliger und Bożena Domańska nachgegangen. Sie haben mit Care-Arbeiter*innen, mit Angehörigen von Betreuten und mit Betreuungsagenturen Interviews und informelle Gespräche geführt (s.a. Leiblfinger et al. 2020 und Schilliger et al. 2020).



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