Wenn man nie weiss, wo sein Zuhause ist

Alena Kaclerova verlor Anfang der Nullerjahre ihre Stelle als Journalistin. Die verwitwete Slowakin und Mutter eines kleinen Mädchens brauchte ein neues Einkommen. Sie begann 2003, wie sie sagt, «ein neues Leben» als Care-Migrantin. Erst arbeitete Frau Kaclerova in Österreich und Deutschland und seit diesem Jahr in der Schweiz. Sie berichtet von einem Leben, in dem sie nie weiss, wo ihr Zuhause ist.

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Alena Kaclerova
Care-Migrantin

Ja, Abschied ist immer schwierig. Ob ich den Kunden nach 4 Wochen wiedersehe, ob ihm nichts passiert …? Dazu kommt manchmal auch die Angst, dass die Familie eine neue, billigere Agentur sucht, und ich damit die Arbeit verliere. Mit so «Misch-Masch» Gedanken im Kopf verabschiede ich mich von der Familie und konzentriere mich voll auf die Heimreise. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man als Betreuerin nach Hause fahren kann. Entweder man muss unter dem Druck der Agentur mit ihrem vollbesetzten Taxi nach Hause fahren, das dauert manchmal den ganzen Tag. Hat man Glück, kann man individuell fahren: mit dem Zug, dem Bus oder mit dem Flugzeug. Bei der zweiten Möglichkeit entscheidet sich die Betreuerin selbst und nimmt das, was zu ihr passt. In meinem Fall ist es der Zug oder das Flugzeug.

Meistens während der Fahrt rekapituliere ich alles, was ich in dem Turnus erlebt habe, das Gute und das Schlechte. Es gibt bei jedem Aufenthalt etwas Positives und auch etwas nicht ganz Angenehmes. Manchmal gibt die Familie auch Trinkgeld, aber nicht oft, und dann sind die Erinnerungen ein bisschen positiver.

Und dann endlich zu Hause! Es gibt ein altes Sprichwort: Zu Hause ist zu Hause. Und hat was Wahres. Sie können sich bei dem Kunden wohl fühlen, aber eine Familie haben Sie nur Eine!

Die ersten Stunden sind immer sehr liebevoll und angenehm. Am zweiten Tag beginne ich meistens alles realistischer zu sehen. Was muss ich alles bezahlen? Was gibt’s Neues zu erledigen? Wie geht es dem Kind in der Schule? Was Neues bei den Grosseltern? Was ist mit dem Hund, dem Garten, dem Auto? Einfach – viele Sachen warten nach einem Monat auf einen Menschen, wenn er alleinerziehend lebt. Aber nach ein paar Jahren Dienst gewöhnte ich mich an das. Die ersten zwei bis drei Tage sind ganz hektisch. Man weiss nie, wo einem der Kopf steht!! Die Ankunft ist eine grosse Hektik! Meistens aber im positiven Sinn!!

Über die Freude der Angehörigen schreibe ich hier nicht. Es ist klar, alle freuen sich, dass sie mich wiedersehen! Als Mensch mit Humor muss ich sagen, dass auch mein Hund sich sehr freut!! (Er bekommt immer von mir eine Leckerei als Lohn fürs Warten.)

Natürlich, die 4 Wochen zu Hause sind ganz schnell weg. Sie gehen schneller weg als die Tage beim Klienten. Aber das ist normal. Beim Klienten hat der Tag meistens einen anderen Rhythmus und ist weniger abwechslungsreich.

Das verdiente Geld von der Arbeit geht zu Hause schnell weg. Wenn ich alle Rechnungen bezahlt habe, bleibt nicht viel übrig. Im Prinzip aber ist die Zeit zu Hause trotz mehrerer Erledigungen sehr schön. Ich geniesse diese kurze Zeit für die Erholung. Zwei bis drei Tage vor der Rückfahrt in die Schweiz denke ich wieder an die Arbeit und den Klienten. Wie es ihm geht? Über die Jahre habe ich aber gelernt, zu Hause etwas abzuschalten.

Die Reise zurück zur Arbeit ist nie so angenehm wie die Heimreise. Ich denke darüber nach, was mich alles erwartet. Ob alles beim Alten geblieben ist? Ist etwas «schief» gegangen? Es kommen viele Fragen und man ist etwas unruhig. Aber das geht alles weg, wenn ich endlich in der Schweiz bei der Familie bin und sehe, dass alles beim Alten geblieben ist. Das ist für die Betreuerin das Beste! Dass sich der Zustand des Kunden nicht verschlechtert hat!

Das ist das Leben einer 24-Stunden-Betreuerin. Es ist nicht einfach, weil ich eine Pendlerin bin, und nie weiss, wo mein «Zuhause» ist. Immer reise ich hin und her, immer packe ich den Koffer ein und aus.



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